Straßenbahnunglück war kein "Wegeunfall"

Wer sich auf Umwege begibt, verliert den Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung

onlineurteile.de - Ein junger Mann, Herr P, besuchte eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme der Bundesagentur für Arbeit. Eines Nachmittags meldete er sich wegen Magenproblemen frühzeitig vom Unterricht ab und fuhr mit der Straßenbahn heim. An der Haltestelle am K-Platz musste P in eine andere Straßenbahn-Linie umsteigen, um nach Hause zu kommen.

P stieg jedoch nicht um, sondern überquerte die Gleise, um einen in der Nähe wohnenden Freund zu treffen. Dabei erfasste ihn eine Straßenbahn und verletzte ihn schwer. Mit Schädel-Hirn-Trauma, Nasenbeinbruch und Lungenquetschung landete P im Krankenhaus. Es folgten langwierige Behandlungen und Rehabilitationsmaßnahmen. Sein Freund war zur Unfallstelle geeilt und hatte den ermittelnden Polizeibeamten erzählt, P habe ihm per SMS seine Ankunft angekündigt.

Als die Krankenkasse von Herrn P das Unglück bei der gesetzlichen Unfallversicherung als Arbeitsunfall anzeigte, winkte die Versicherung ab: Als Teilnehmer an einer berufsvorbereitenden Maßnahme sei P zwar im Prinzip gesetzlich unfallversichert, auch auf dem Weg zur Bildungsstätte und auf dem Weg nach Hause. Als das Unglück geschah, sei P aber nicht mehr auf dem Heimweg, sondern auf dem Weg zu einem Freund gewesen. Auf privat motivierten Umwegen bestehe kein Versicherungsschutz.

Gegen den ablehnenden Bescheid der Unfallversicherung klagte P beim Sozialgericht Karlsruhe und vertrat den Standpunkt, er habe sich keineswegs auf Abwegen befunden. Zum Unfallzeitpunkt habe er sich im "öffentlichen Verkehrsraum" bewegt (S 1 U 1460/14). Doch das verhalf ihm nicht zu Leistungen von der Unfallversicherung.

Wer aus privaten Gründen den Weg zur Arbeit oder den Heimweg unterbreche — z.B. um in einem Geschäft am Straßenrand einzukaufen oder mit dem Auto zur Tankstelle zu fahren —, sei auf dem Umweg nicht versichert, so das Gericht.

Auch wenn P sich noch auf der Straßenbahn-Verkehrsinsel befand, habe er einen Umweg eingeschlagen. Um den Heimweg mit einer anderen Bahn fortzusetzen, hätte er an der Haltestelle stehen bleiben müssen. Stattdessen sei P von seiner Richtung abgewichen und habe damit den versicherten Heimweg unterbrochen. Hätte er nicht die Gleise überquert, um den Freund zu besuchen, wäre der Unfall nicht passiert. Die Kollision mit der Straßenbahn sei daher nicht als Arbeitsunfall einzustufen.