Anlageberaterin empfahl spekulative Zertifikate

Damit war eine auf ihr Anlagevermögen angewiesene Bankkundin falsch beraten

onlineurteile.de - Der verstorbene Herr T hatte einen Großteil seines Vermögens in einem Wertpapierdepot bei einer Bank angelegt. Im Laufe der Jahre kaufte und verkaufte er Aktien und auch Zertifikate. Nach seinem Tod wurde das Depot auf die Witwe umgeschrieben. Frau T bezog eine Rente von netto 1.000 Euro monatlich, während sich ihre Fixkosten auf 1.500 Euro beliefen.

Da sie also zum Teil vom Anlagevermögen leben musste und auf dessen Bestand angewiesen war, stufte ihr Bankberater Frau T als Anlegerin mit "konservativen" Zielen ein. Dann bekam es die Kundin mit einer neuen Beraterin zu tun, die ihr "Risikoprofil" änderte und im EDV-System das Anlageziel "ausgewogen" festlegte. Die Bankmitarbeiterin riet Frau T unter anderem zum Erwerb von "Bonus Express Zertifikaten auf Rohöl", die der Risikoklasse 4 angehörten (riskant). Die Kundin kaufte für 10.200 Euro solche Zertifikate und verlor die gesamte Summe.

Soweit es um diese spekulativen Papiere ging, hatte ihre Klage auf Schadenersatz beim Oberlandesgericht Hamm Erfolg (I-34 U 125/11). Die Finanzexpertin von der Bank habe Frau T schuldhaft falsch beraten, urteilte das Gericht. Maßgebliche Kriterien bei der Beratung seien Wissensstand, Risikobereitschaft und Anlageziel des jeweiligen Kunden. Dazu kämen die speziellen Risiken des Anlageobjekts und allgemeine Risiken (wie die Konjunkturlage, die Entwicklung des Kapitalmarktes).

Im konkreten Fall habe die Beraterin ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation der Anlegerin deren "Risikoprofil" auf mehr Risikofreude hin-getrimmt. Dabei habe Frau T der Frage, ob "sie in Geldangelegenheiten nur ungern Risiken eingehe", "voll zugestimmt". Zwar habe die Kundin dann bei der Frage "ob die Sicherheit im Vordergrund stehe", die Antwort "stimme eher zu" angekreuzt und nicht "stimme voll zu". Sie habe "beschränkte Risiken" nicht völlig ausgeschlossen.

Trotzdem gelte: Einer Anlegerin, deren Einkommen nicht einmal ausreiche, die monatlichen Belastungen zu decken, dürfe man kein spekulatives Zertifikat der Risikoklasse 4 empfehlen. Das Risiko, dass sich eine Anlageentscheidung nachträglich als falsch erweise, trage zwar der Anleger — aber nur, wenn er richtig beraten wurde. Bei "anlegergerechter" Beratung hätte Frau T die "Bonus Express Zertifikate auf Rohöl" nicht erworben. Daher müsse die Bank die Kundin für den Verlust von 10.200 Euro entschädigen.