Auto und Verkehr

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Falschabbieger: Autounfall ist kein Arbeitsunfall

Kurzartikel

Biegt ein Arbeitnehmer auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto falsch ab, weil er nicht aufpasst, befindet er sich nicht mehr auf dem gesetzlich unfallversicherten Arbeitsweg. Wenn der Fahrer beim Wendemanöver mit einem anderen Fahrzeug zusammenstößt und verletzt wird, handelt es sich nicht um einen Arbeitsunfall, für dessen Folgen die Berufsgenossenschaft aufkommen muss.

Einbahnstraße rückwärts befahren

Um einen Parkplatz zu ergattern, stößt eine Autofahrerin gegen die Fahrtrichtung zurück und mit einem Taxi zusammen

Autofahrerin A fuhr auf der Suche nach einem Parkplatz eine Einbahnstraße entlang: am linken Straßenrand lagen schräge Parkbuchten, rechts befand sich ein Taxistand. An dem war sie schon vorbei, als sie im Rückspiegel sah, dass links hinter ihr ein Auto die Parklücke verließ. Abrupt hielt sie ihren Ford an und setzte zurück. Dabei stieß ihr Wagen mit einem Taxi zusammen, das gerade am Taxistand gestartet und ca. 40 Zentimeter in die Fahrbahn hineingerollt war.

Der Taxiunternehmer forderte von Frau A und deren Kfz-Haftpflichtversicherung über 5.000 Euro Schadenersatz für Reparaturkosten und Nutzungsausfall. Zu Recht, entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf: Sie müssten in vollem Umfang für den Schaden haften (I-1 U 133/16). Zwar sei es in Einbahnstraßen durchaus zulässig, rückwärts einzuparken. Frau A habe aber nicht das Auto rangiert.

Sie sei vielmehr eine Strecke von vier, fünf Autolängen zurückgefahren, um die frei werdende Parklücke zu erreichen. Damit habe sie schuldhaft gegen das Gebot verstoßen, Einbahnstraßen nur in der vorgeschriebenen Fahrtrichtung zu befahren. Darüber hinaus sei beim Rückwärtsfahren generell besondere Vorsicht vonnöten. Autofahrer müssten so langsam fahren, dass sie, wenn nötig, sofort anhalten könnten.

Auch an diese Grundsätze habe sich Frau A nicht gehalten. Den Bereich rechts hinter ihrem Ford habe sie nicht beobachtet. Das stehe fest, weil sie selbst einräumte, das Taxi erst bei der Kollision bemerkt zu haben. Und die Autofahrerin sei deutlich schneller als in Schrittgeschwindigkeit zurückgestoßen. Vielleicht hätte der Taxifahrer durch blitzschnelles Reagieren den Zusammenstoß vermeiden können.

Das ihm das nicht gelang, begründe aber kein Mitverschulden. Einmal abgesehen davon, dass er in einer Einbahnstraße nicht mit entgegenkommendem Verkehr rechnen müsse: Der Taxifahrer sei ganz langsam losgerollt und sofort stehen geblieben, als er den Ford zurückfahren sah. In dieser Situation habe er darauf vertrauen dürfen, dass ihn die Fahrerin des Ford rechtzeitig wahrnehmen und ihre Rückwärtsfahrt stoppen würde.

Sanktion für "Spaßbieter"?

eBay-Käufer will mangelhaftes Auto zurückgeben und soll dafür Vertragsstrafe zahlen

Für 25.100 Euro hatte ein eBay-Nutzer beim Internetauktionshaus einen gebrauchten Wagen ersteigert. Umgehend brachte er ihn zur TÜV-Prüfung, die einige Mängel ergab. Daraufhin trat der Käufer vom Kaufvertrag zurück. Unbeeindruckt behauptete der Verkäufer, das Fahrzeug sei einwandfrei und pochte auf den Text seines eBay-Angebots: Da stehe klipp und klar, "Spaßbieter" müssten mit einer Vertragsstrafe von 20 Prozent des Kaufpreises rechnen.

Der unzufriedene Käufer weigerte sich, 5.020 Euro zu berappen und ließ es auf einen Rechtsstreit ankommen. Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt wies die Zahlungsklage des Verkäufers ab: Ihm stehe keine Vertragsstrafe zu (22 U 205/14). Der Käufer sei kein Spaßbieter und die Regelung zur Vertragsstrafe außerdem unwirksam, urteilte das OLG.

Der Begriff "Spaßbieter" könne sehr unterschiedlich interpretiert werden. Nach allgemeinem Sprachgebrauch würde man ihn wohl so verstehen: Ein Spaßbieter gebe Gebote ab, obwohl er/sie die angebotenen Gegenstände gar nicht kaufen wolle. Der Verkäufer deute den Begriff anders: Demnach wären alle Personen Spaßbieter, die sich nicht an den Vertrag halten wollten.

Das beträfe also auch Personen, die zunächst ernsthafte Gebote abgaben — dann aber vom Kaufvertrag zurücktreten aus Gründen, die dem Verkäufer nicht einleuchteten. Unter welchen Umständen welche Einwände gegen den Kauf als begründet anzusehen seien, lasse seine "selbstgestrickte" Regelung offen.

Da wisse der Käufer nicht, woran er sei — aus so einer mehrdeutigen Klausel seien keine Ansprüche abzuleiten. Darüber hinaus habe der Käufer rechtlich anerkannte Gründe für seinen Rücktritt vorgetragen, nämlich Sachmängel des Kaufgegenstands. Derartige Einwände mit einer "Spaßbieter-Klausel" zu sanktionieren, sei unzulässig.

Dienstauto für "minijobbende" Ehefrau?

Steuerprüfer hält den Anstellungsvertrag zwischen einem Unternehmer und seiner Frau für unzulässig

Ein Einzelhändler hatte mit seiner Ehefrau einen Anstellungsvertrag geschlossen: Für 400 Euro monatlich sollte sie als "Minijobberin" im Büro arbeiten und mit einem Firmenauto Kurierdienste leisten: Pakete für Kunden ausfahren, zur Post bringen etc. Den Opel Astra durfte sie laut Vertrag auch privat nutzen. Den geldwerten Vorteil der privaten Nutzung setzte der Unternehmer mit 385 Euro monatlich an (ein Prozent des Kfz-Listenneupreises) und zog ihn vom Arbeitslohn der Ehefrau ab.

Bei einer Betriebsprüfung beanstandete der Finanzbeamte den Anstellungsvertrag. Die Frau könne den Opel ohne Kostenbeteiligung unbegrenzt privat nutzen und so letztlich die Höhe ihres Arbeitslohns selbst bestimmen, stellte er fest. Mit einem fremden Arbeitnehmer hätte der Unternehmer so eine Vereinbarung nicht getroffen.

Das Finanzamt erhöhte daraufhin den Gewinn des Einzelhändlers um Kfz-Kosten und den Arbeitslohn der Ehefrau: Diese Kosten könne er nicht als Betriebsausgaben von der Steuer absetzen.

Der Unternehmer klagte gegen den Steuerbescheid und bekam vom Finanzgericht Köln Recht (3 K 2547/16). Zwar sei so ein Arbeitsvertrag bei geringfügiger Beschäftigung eher ungewöhnlich, räumte das Finanzgericht ein, aber er entspreche noch dem, was auch Fremde untereinander vereinbaren würden. Es gebe im Steuerrecht keine Regel, dass nur Führungspersonal oder Vollzeitbeschäftigte Dienstwagen privat nutzen dürften, "Minijobber" aber nicht.

Dass die Ehefrau quasi mit der Nutzung des Autos entlohnt wurde, reiche nicht aus, um dem Unternehmer den Abzug der Kosten als Betriebsausgabe zu verwehren. Schließlich habe der Gesetzgeber so eine Vertragsgestaltung ausdrücklich zugelassen, auch zwischen fremden Dritten gebe es diese Form des Arbeitsentgelts. Dies müsse dann auch für nahe Angehörige gelten: Sie anders zu behandeln, sei nicht zu rechtfertigen.

Irreführende Baustellenschilder

Autofahrerin fährt aus Versehen in eine Autobahnbaustelle und über eine Fräskante: Wer haftet für den Schaden?

Kurz vor einer Autobahnausfahrt wurde an einer Autobahn gebaut. Die Baustelle war durch eine Betonschutzplanke zwischen Fahrstreifen und Baustellenbereich gesichert, in der man für Baustellenfahrzeuge eine breite Lücke gelassen hatte. Für ausfahrende Baufahrzeuge stellte der für Sicherheitsmaßnahmen zuständige Betrieb zwei Verkehrsschilder auf: "Rechts" und "Vorfahrt gewähren".

Sie wurden allerdings nicht, wie vorgeschrieben, auf der rechten Seite der Baustellenausfahrt platziert, sondern am linken Rand. Und das obendrein so, dass die beiden Schilder andere Hinweisschilder verdeckten ("Verbot für Fahrzeuge aller Art" und "Baustellenfahrzeuge frei"), die den Verkehr auf der Autobahn vor der Baustelle warnen sollten. Wie Zeugen bestätigten, fuhren täglich mehrere Autofahrer in die Baustelle hinein, weil sie dachten, es sei die Autobahnausfahrt.

So auch eine Autofahrerin, die im Baustellenbereich eine Quer-Fräskante überfuhr und dabei den Wagen beschädigte. Für die Reparaturkosten sollte der Fachbetrieb geradestehen, dem die Autobahndirektion Nordbayern die Absicherung der Baustelle übertragen hatte. Während das Amtsgericht die Schuld am Unfall zu 100 Prozent bei der "unaufmerksamen Autofahrerin" sah, verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth den Fachbetrieb dazu, 40 Prozent des Schadens zu übernehmen (2 S 5570/15).

Warnschilder müssten so aufgestellt werden, dass Fahrer ihre Fahrweise rechtzeitig auf die Gefahr einstellen könnten. Das sei bei der hier zulässigen Geschwindigkeit von 80 km/h unmöglich gewesen. Der Betrieb habe die Hinweise auf die Baustelle so unsinnig positioniert, dass man sie erst aus 20 Metern Entfernung habe sehen können. So schnell könne kaum jemand reagieren. Kurz vorher werde auf der Autobahn mit einem großen blauen Schild die Abfahrt angekündigt — naheliegend, dass viele Fahrer die Verkehrsschilder an der Baustelle falsch verstanden.

Die Baustelleneinfahrt sei zwar mit einer 30 cm breiten Markierung von der Fahrbahn abgegrenzt, die Autofahrer nicht überfahren dürften. Dennoch könne der Fachbetrieb hier nicht einfach die Schuld auf die Fahrer schieben, die "nicht aufpassten". Denn er habe mit der irreführenden Beschilderung eine unklare Verkehrslage geschaffen. Das rechtfertige es, den Schaden aufzuteilen. Auf Autobahnen werde schnell gefahren, gerade hier müssten sich Autofahrer auf Hinweise der Verkehrssicherungspflichtigen verlassen können.

Lkw verursacht Steinschlag

Frontscheibe des nachfolgenden Wagens zerspringt: Erhält der Autofahrer Schadenersatz?

Der Fahrer eines Ford Sierra verlangte von der Eigentümerin eines Containerfahrzeuges Schadenersatz, weil er seine Windschutzscheibe hatte austauschen müssen: Die hinteren Zwillingsreifen des vor ihm fahrenden Lastwagens hatten einen Stein auf die Scheibe geschleudert, die beim Aufprall gesprungen war.

Nach einem Urteil des Amtsgerichts Halle-Saalkreis ging der Ford-Besitzer leer aus (95 C 29/95). Die Lkw-Eigentümerin und der Lkw-Fahrer hätten alles dafür getan, einen derartigen Schaden zu vermeiden. Das Fahrzeug sei insbesondere mit Schmutzfänger und mit einem so genannten Unterfahrschutz ausgestattet.

Der Lkw-Fahrer könnte daher seine Sorgfaltspflichten allenfalls dadurch verletzt haben, dass er vor der Fahrt das Reifenprofil nicht nach Steinen untersucht habe. Das wäre aber zu viel verlangt. Der Steinschlag sei als "unabwendbares Ereignis" anzusehen. Daher müsse der Ford-Besitzer für den Schaden an der Frontscheibe selbst aufkommen.

Unfall mit (fast) neuem Porsche

Mit 3.300 km auf dem Tacho und sechs Wochen im Straßenverkehr ist ein Auto kein "Neufahrzeug" mehr

Ein GmbH-Geschäftsführer hatte mit dem Firmenfahrzeug einen Verkehrsunfall. Sein Porsche war erst sechs Wochen zuvor erstmals zum Straßenverkehr zugelassen worden. Nur 3.291 km hatte der 92.400 Euro teure Wagen am Unfalltag auf dem Tacho. Beim Zusammenstoß wurden tragende Teile des Porsches beschädigt, so dass er trotz einer fachgerechten Reparatur nicht mehr als neuwertig einzustufen war.

Den Unfall hatte eindeutig der Unfallgegner mit seinem Fiat Punto verursacht. Dessen Haftpflichtversicherer musste zu 100 Prozent für den Unfallschaden aufkommen. Strittig war allein die Frage, ob hier noch eine Schadensregulierung auf Neuwagenbasis in Frage kam — d.h. ob der Versicherer den Kaufpreis in voller Höhe ersetzen musste.

Das verlangte jedenfalls die GmbH als Eigentümerin der Luxuskarosse. Der Porsche habe beim Unfall, wenn man die Überführungsfahrt abziehe, noch keine 3.000 km Strecke zurückgelegt, so ihre Begründung. Außerdem seien hochwertige Fahrzeuge aufgrund der technischen Entwicklung länger als früher als neuwertig anzusehen.

Diese Argumentation wies das Oberlandesgericht Hamm zurück (9 U 5/18). Zu Recht habe sich der Versicherer geweigert, den Schaden auf "Neuwagenbasis" zu regulieren. Anspruch auf Entschädigung in Höhe des vollen Kaufpreises bestehe nur bei einer Fahrleistung von maximal 1.000 km und auch nur dann, wenn die Erstzulassung höchstens einen Monat zurückliege.

Die technische Entwicklung ändere daran nichts. Ausschlaggebend seien hier die Verhältnisse auf dem Markt für sehr junge Gebrauchtwagen bzw. auf dem Markt für sehr teure Autos mit Tageszulassung. Demnach sei ein Wagen, der zum Unfallzeitpunkt bereits knapp 3.300 km gefahren wurde und über sechs Wochen zugelassen gewesen sei, nicht mehr als Neuwagen anzusehen.

Manipulierter Autounfall

Unfallgeschädigter posiert mit Porsche auf dem Facebook-Profil des Schädigers: Indiz für Versicherungsbetrug

Im Oktober 2014 wurde der (damals vier Jahre alte) Porsche Panamera auf Herrn X zugelassen. Laut Unfallbericht der Polizei stieß der Porsche im Februar 2015 nachts auf einer Autobahnzufahrt mit dem 13 Jahre alten VW Golf des Herrn Y zusammen. Y nahm die Schuld auf sich. Der Porsche-Besitzer forderte von der Kfz-Haftpflichtversicherung des — ihm angeblich unbekannten — Golf-Fahrers Schadenersatz. Doch das Versicherungsunternehmen lehnte jede Leistung ab.

Seine Ermittler waren nämlich auf dem Facebook-Profil des Unfallverursachers Y auf ein Bild gestoßen, das er im Dezember 2014 ins soziale Netzwerk gestellt hatte: Auf dem Foto posierte der Unfallgeschädigte X vor einem Autohaus mit seinem Porsche Panamera. Dass sich die Unfallgegner nicht kannten, sei offensichtlich eine Lüge, erklärte der Kfz-Versicherer. Hier handle es sich um einen manipulierten Unfall, also um versuchten Versicherungsbetrug.

Das Oberlandesgericht Düsseldorf gab dem Versicherer Recht und wies die Zahlungsklage des Unfallgeschädigten ab (I-1 U 59/17). Ihm stehe kein Schadenersatz zu, weil der Unfall mit seinem Einverständnis herbeigeführt wurde. Herr X habe den Unfallverursacher Y schon vor dem Unfall gekannt und diesen Umstand verschwiegen. Unwahre Angaben und das Verschweigen einer Bekanntschaft zwischen den Unfallbeteiligten seien starke Indizien für einen Versicherungsbetrug.

X behaupte, Y sei vor dem Foto nur zufällig an ihm und dem Porsche vorbei gegangen — eine offenkundige Falschaussage. Y habe ebenso unverblümt gelogen und behauptet, das Bild sei alt. Dabei seien die amtlichen Kennzeichen, die man auf dem Foto sehe, dem Porsche-Besitzer erst im Oktober 2014 zugeteilt worden. Weiteres Indiz für einen Betrug: Die Kombination aus einem teuren, geschädigten Fahrzeug (Porsche) und einem nahezu wertlosen Auto auf Seiten des Schädigers (alter Golf) sei für fingierte Unfälle charakteristisch.

Denn so drohe dem Unfallverursacher kaum Verlust, während beim hochwertigen Fahrzeug eine hohe Reparaturrechnung anfalle. Kombiniert mit einer fiktiven Abrechnung könne der Geschädigte hohen Gewinn erzielen, indem er sich die teure Reparatur in einer Fachwerkstatt bezahlen lasse und das Auto billig in Eigenregie repariere. Auch die auffallend vagen Angaben zum Unfallhergang seien typisch für einen Versicherungsbetrug: Auf diese Weise versuchten die Beteiligten, sich bei ihren Aussagen nicht in Widersprüche zu verwickeln.

Nächtlicher Traktorunfall

Biegt ein Landwirt mit langsamem Traktorgespann im Dunkeln links ab, muss er besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen

In einer Augustnacht hatte ein Landwirt lange auf seinen Feldern gearbeitet. Es war schon kurz nach Mitternacht, als er mit seinem Traktor und zwei Anhängern nach Hause fuhr. Vom Feldweg kommend, bog er nach links auf eine Landstraße ein. Da kam ihm ein Opelfahrer entgegen, der nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte. Der Opel stieß mit dem zweiten — noch quer zur Fahrbahn stehenden — Anhänger zusammen, der Fahrer wurde beim Aufprall erheblich verletzt.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete gegen den Landwirt ein Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung. Zunächst wurde er freigesprochen, doch damit war das Oberlandesgericht (OLG) Oldenburg nicht einverstanden (1 Ss 206/17). Amtsgericht und Landgericht hätten nicht geklärt, ob der Landwirt die nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen habe, kritisierte das OLG.

Nach dem Unfallgutachten habe der Opelfahrer die Scheinwerfer des Traktors sofort nach dem Durchfahren einer Kurve gesehen und sei ungefähr 20 Sekunden später mit dem zweiten Anhänger des Gespanns kollidiert. Deshalb könne man davon ausgehen, dass sich das landwirtschaftliche Gespann besonders schwerfällig bewegt habe. Da es zudem dunkel gewesen sei, habe insgesamt eine außergewöhnliche Gefahrensituation vorgelegen.

Unter derartigen Umständen müsse ein Linksabbieger — der beim Einfahren auf eine Vorfahrtstraße ohnehin zu besonderer Vorsicht verpflichtet sei — zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um die Gefahrenlage zu entschärfen. Der Landwirt hätte zum Beispiel einen Warnposten aufstellen können, was offenbar versäumt wurde. Zumindest hätte er sein langsames Gespann seitlich beleuchten müssen.

Die Vorinstanzen hätten nicht geprüft, ob er das getan habe. Das Landgericht müsse dies nun nachholen und in der Sache nochmals entscheiden, erklärte das OLG.

Luxuskarosse mit Macken

Hat der Käufer den Kaufpreis gemindert, kann er nicht mehr verlangen, den Kauf rückgängig zu machen

Für ihren Geschäftsführer schloss die X-GmbH einen Leasingvertrag über einen Mercedes zum Kaufpreis von 99.900 Euro. Im folgenden Jahr brachte der Geschäftsführer den Wagen wegen diverser Mängel sieben Mal in eine Mercedes-Niederlassung. Manchmal setzte die Gangschaltung aus, ansonsten handelte es sich überwiegend um Fehler der Elektronik. Alle Mängel wurden beseitigt.

Dennoch zog die X-GmbH vor Gericht und verlangte vom Autohersteller 20 Prozent des Kaufpreises zurück. Begründung: Der Wagen sei produktionsbedingt chronisch fehleranfällig. In der Folgezeit traten tatsächlich weitere Mängel auf, die teilweise behoben wurden. Deshalb änderte die X-GmbH ihre Klage gegen den Autohersteller ab: Statt Rückzahlung von 20 Prozent forderte das Unternehmen nun die Rückabwicklung des Kaufvertrages und Schadenersatz für "vergeblichen Aufwand".

Das Oberlandesgericht Stuttgart gab der X-GmbH Recht — doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf (VIII ZR 26/17). Wenn der Käufer einer mangelhaften Sache diese behalten wolle, stehe es ihm frei den Kaufpreis herabzusetzen, betonten die Bundesrichter. So könne er wieder ein angemessenes Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung herstellen.

Wer eine mangelhafte Sache gekauft habe, dürfe zwischen zwei Optionen wählen: Käufer könnten entweder den Kaufpreis mindern und so prinzipiell am Kaufvertrag festhalten. Oder sie könnten den Kauf rückgängig machen. Ihre Entscheidung für eine dieser Optionen sei dann aber verbindlich.

Die X-GmbH habe erst auf Minderung des Kaufpreises geklagt und so ihren Willen zum Ausdruck gebracht, den (ihrer Ansicht nach) produktionsbedingt fehleranfälligen Wagen zu einem reduzierten Kaufpreis zu behalten. Also habe sie sich dafür entschieden, den Kaufvertrag fortzusetzen. Anschließend — unter Berufung auf denselben Mangel — die Rückabwicklung des Kaufvertrags zu fordern, sei damit unvereinbar.

Software-Update für Dieselfahrzeug

Fahrzeugbesitzer dürfen Update nicht aus Gründen der Beweissicherung verweigern

Der Kläger in diesem Rechtsstreit gehört zu den vielen Autokäufern, denen ein Dieselfahrzeug mit einer unzulässigen Abschalteinrichtung angedreht wurde. Nun bekam er es auch noch mit den Behörden zu tun: Das Kraftfahrtbundesamt informierte die Straßenverkehrsbehörde der Stadt Köln darüber, dass sein Wagen (Dieselmotor der Euro Norm 5) wegen der Abschalt-Software nicht der erteilten Typengenehmigung entsprach.

Die Stadt Köln forderte den Dieselfahrer auf, ein Software-Update durchführen zu lassen. Dagegen klagte der Autobesitzer: Da er überlege, vom Hersteller Schadenersatz zu verlangen, müsse das Fahrzeug aus Beweisgründen so bleiben, wie er es gekauft habe. Daher sei er nicht bereit, ein Update vornehmen zu lassen. Außerdem sei die Luftverschmutzung, die von einem einzelnen Auto ausgehe, nicht konkret messbar.

Das Verwaltungsgericht Köln lehnte den Antrag des Fahrzeughalters auf vorläufigen Rechtsschutz gegen die Anordnung der Stadt Köln ab (18 L 854/18). Zu Recht verlange die Kommune Mängelbeseitigung, denn der Wagen sei aufgrund der unzulässigen Abschalteinrichtung nicht in "vorschriftsmäßigem Zustand". Der Fahrzeughalter dürfe sich nicht aus Gründen der Beweissicherung weigern, das Update durchzuführen.

Wenn es ihm darauf angekommen wäre, den aktuellen Zustand seines Dieselfahrzeugs "gerichtsverwertbar" zu dokumentieren, hätte er längst bei Gericht ein "selbständiges Beweissicherungsverfahren" beantragen können. (Dabei stellt ein Gerichtsgutachter den Zustand einer mangelhaften Sache fest, um für einen späteren Prozess Beweise zu sichern.) Um die Gesundheit der Bürger zu schützen, sei es außerdem geboten, jede "vorschriftswidrige Emissionsquelle von Umweltgiften zu beseitigen".

Vorgetäuschter Unfall?

Täuschungsmanöver sind schwer nachweisbar: Im Zweifel muss die Haftpflichtversicherung zahlen

In einer Dezembernacht wurde ein geparkter Mercedes von einem Opel gerammt, der 400 Meter entfernt gestohlen worden war und dessen Fahrer unbekannt blieb. Die Haftpflichtversicherung des Opel-Fahrzeugs witterte einen gestellten Unfall nach dem "Berliner

Modell".

Bei dieser Vorgehensweise stehlen die Täter einen Wagen in der Nähe der Kollisionsstelle und fahren dann mit geöffnetem Seitenfenster (Fluchtweg, falls die Tür klemmt) ungebremst gegen ein geparktes Auto der Nobelklasse, dessen Eigentümer an der Manipulation beteiligt ist. Das gestohlene Auto lassen die Täter stehen. So kann dessen Versicherung schnell festgestellt werden, die dann für den Schaden aufkommen muss.

Im konkreten Fall ging das Landgericht ebenso wie die Versicherung von einem vorgetäuschten Unfall aus und verneinte einen Anspruch auf Schadenersatz. Dagegen verurteilte das Oberlandesgericht Hamm das Versicherungsunternehmen dazu, den Schaden am Mercedes zu regulieren (9 U 61/94). Dabei sahen die Richter in Hamm durchaus Verdachtsmomente für einen Versicherungsbetrug.

Man könne aber nicht ausschließen, dass der Unfallfahrer betrunken in eine Schlingerbewegung geraten sei und dann die Herrschaft über den Opel verloren habe. Entscheidend sei schließlich der persönliche Eindruck, den der Eigentümer des demolierten Mercedes beim Gericht hinterlassen habe: Der Mann sei bisher nicht straffällig geworden und habe Fragen nach seiner finanziellen Lage detailliert und glaubhaft beantwortet. Da ihm der Betrug nicht ohne weiteres zuzutrauen sei, bleibe es der Versicherung des Opels nicht erspart, den Schaden zu ersetzen.

Am Straßenrand Autotür aufgerissen

Wer haftet für den Schaden, wenn ein vorbeifahrender Wagen gegen eine geöffnete Autotür stößt?

Frau T fuhr mit ihrem kleinen Peugeot nach rechts in eine Bushaltebucht der kommunalen Verkehrsbetriebe. Kaum hatte sie den Wagen angehalten, öffnete sie schwungvoll die Fahrertüre — ohne auf den Verkehr zu achten. Hätte Frau T kurz über die Schulter zurückgeblickt, hätte sie den Citroen Berlingo gesehen, der sich gerade von hinten näherte. Fahrerin M stieß mit dem Citroen gegen die weit geöffnete Peugeot-Autotür.

Ihr Lebensgefährte, dem der beschädigte Citroen gehörte, forderte von der Kfz-Haftpflichtversicherung der Peugeot-Fahrerin Schadenersatz. Das Unternehmen erstattete allerdings nur die Hälfte, weil es davon ausging, dass die Citroen-Fahrerin für den Schaden mit-verantwortlich war: Frau M sei wohl mit zu wenig Seitenabstand am Peugeot vorbeigefahren. Mit dem halben Schadenersatz gab sich der Citroen-Besitzer nicht zufrieden.

Er klagte den restlichen Betrag ein und bekam vom Landgericht Saarbrücken Recht (13 S 69/17). Beim Vorbeifahren dürfe der Seitenabstand auch schon mal geringer sein als der Mindestabstand von einem Meter, der z.B. beim Überholen verlangt werde, erklärte das Landgericht. Wie groß der Abstand sein müsse, hänge von den Umständen im Einzelfall ab. Da komme es auf die Verkehrslage an, auf die Geschwindigkeit, die beteiligten Fahrzeuge, die Straßenbreite.

Nach den Berechnungen des Unfallsachverständigen habe Frau M einen Abstand von rund 80 Zentimetern eingehalten. Das erscheine bei einer sieben Meter breiten Straße angemessen. Selbst wenn man dies als zu knapp ansähe, würde dieses geringfügige Mitverschulden angesichts des krassen Fehlverhaltens von Frau T nicht ins Gewicht fallen.

Wer ein- oder aussteige, müsse sich so verhalten, dass er andere Verkehrsteilnehmer nicht gefährde. Frau T habe dagegen rücksichtslos die Fahrertür des Peugeot weit geöffnet, ohne nach hinten zu schauen. Hätte sie die gebotene Vorsicht und Sorgfalt an den Tag gelegt, hätte sie den nahenden Wagen gesehen. Ihre Kfz-Versicherung müsse daher den Schaden am Citroen zu 100 Prozent ersetzen.

Siebenjähriger verkratzt Auto mit Kickboard

Kinder müssen für solche Schäden nicht haften, weil sie den Verkehr noch nicht richtig einschätzen können

Der Stiefvater des Kindes schilderte der Polizei den Vorfall so: In der Wohnstraße mit Tempo 30 sei der Junge mit seiner älteren Schwester Kickboard gefahren. Dann lehnten die Kinder die Gefährte an einen Zaun. Als der Siebenjährige die Kickboards wieder holen wollte, habe ein Auto ausgeparkt. Es sei langsam an dem Jungen vorbeigefahren, als er mit den Kickboards an beiden Händen die Straße überqueren wollte.

Das Kind habe sich "schmal gemacht", um dem Auto auszuweichen und sei mit einem Lenker gegen den geparkten Wagen geraten. Der Lenker habe leider keine Gummigriffe und habe deshalb Lackkratzer hinterlassen. Der Besitzer des Wagens musste für die Lackreparatur fast 1.500 Euro ausgeben und verklagte den siebenjährigen Schüler auf Schadenersatz.

Das Amtsgericht München wies die Klage ab (345 C 13556/17). Bis zum 10. Geburtstag hafteten Kinder für solche Schäden nur, wenn sie diese absichtlich verursachten. Das könne man hier ausschließen. Der Gesetzgeber habe Kinder dieses Alters ansonsten von der Haftung befreit, weil sie von den Risiken des Autoverkehrs überfordert seien: Sie könnten Entfernungen und Geschwindigkeiten noch nicht richtig einschätzen.

Zwar gelte das nicht automatisch auch für geparkte Autos, die sich naturgemäß nicht bewegten. Aber im konkreten Fall habe - auch nach Aussage des Autobesitzers selbst - ein fahrendes Auto den Schaden am geparkten Wagen ausgelöst. Der sei entstanden, weil der Junge einem fahrenden Auto ausweichen wollte. Er sei nicht einfach so gegen den geparkten Wagen gestoßen, weil er nicht aufgepasst habe. Entscheidend sei also die mangelnde Fähigkeit des Kindes gewesen, Abstände im Straßenverkehr richtig einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten.

Porsche-Heckspoiler demoliert

Kurzartikel

Wird bei einem Verkehrsunfall der nachträglich montierte Heckspoiler eines Porsche Carrera Coupé beschädigt, muss die Kfz-Versicherung des Unfallverursachers bei der Berechnung der Reparaturkosten die Stundensätze einer Markenwerkstatt (Porsche-Werkstatt oder Porsche-Tuningbetrieb) zugrunde legen. Denn es scheint zweifelhaft, ob ein anderer Reparaturbetrieb die Einpassungsarbeiten an einem Porsche-Heckflügel korrekt vornehmen kann.

Behinderte stürzt im Linienbus

Darf der Busfahrer erst anfahren, wenn die Frau einen Sitzplatz erreicht hat?

Eine 60-Jährige fuhr mit einem kommunalen Linienbus. Die Frau ist aufgrund eines Hüftleidens zu 100 Prozent schwerbehindert, was man ihr aber nicht anmerkt. Eine Gehhilfe benützt sie nicht. Beim Einsteigen in den Bus zeigte die Frau ihren Behindertenausweis vor, der auf der Rückseite das Zeichen G trägt: Das bedeutet "gehbehindert".

Sie setzte sich aber weder auf den Schwerbehinderten-Sitzplatz direkt hinter dem Fahrer, noch auf freie Sitzplätze neben dem Eingang. Die Frau ging vielmehr durch den Bus bis zum ersten Ausstieg. Bevor sie sich dort hinsetzen konnte, fuhr der Bus los. Dadurch verlor die Behinderte das Gleichgewicht, stürzte und erlitt einen Oberschenkelhalsbruch.

Vom Busfahrer und vom Arbeitgeber — den kommunalen Verkehrsbetrieben — forderte die Verletzte Schadenersatz und Schmerzensgeld, insgesamt 15.500 Euro. Der Busfahrer sei für den Unfall verantwortlich, meinte sie. Schließlich habe sie ihren Behindertenausweis vorgezeigt. Also hätte er mit dem Anfahren warten müssen, bis sie einen Sitzplatz eingenommen hatte.

Das Oberlandesgericht Hamm verneinte ein Verschulden des Busfahrers und wies die Klage der Frau ab (11 U 57/17). In erster Linie müssten Fahrer auf den Verkehr achten. Man könne nicht erwarten, dass sie immer alle zusteigenden Fahrgäste im Auge behalten. Dazu seien Busfahrer nur verpflichtet, wenn jemand offenkundig schwerbehindert sei und besondere Rücksichtnahme benötige. Das treffe hier aber nicht zu.

Die Frau sei ohne erkennbare Probleme in den Bus gestiegen und habe keinen der nahegelegenen, freien Sitzplätze eingenommen. Allein aus dem Ausweis habe der Fahrer nicht schließen müssen, dass sie sturzgefährdet sein könnte. Einen Behindertenausweis hätten z.B. auch gehörlose Menschen, die keinerlei Hilfe bräuchten, um sich in einem Bus festzuhalten und/oder einen Sitzplatz zu erreichen. Dass die Verletzte dem Fahrer die Ausweis-Rückseite mit dem "G" gezeigt habe, stehe nicht fest — er bestreite das.

Das könne letztlich aber offen bleiben. Generell müssten sich Fahrgäste in einem Bus oder in einer Straßenbahn sofort Halt verschaffen oder einen Sitzplatz suchen. Gehbehinderte Personen, die äußerlich nicht als solche zu erkennen seien, dürften sich nicht auf ihren Ausweis verlassen. Sie müssten den Busfahrer ausdrücklich auf ihre Situation aufmerksam machen und bitten, erst anzufahren, wenn sie einen Sitzplatz erreicht haben.

Autounfall durch verschütteten Kaffee

Kaffee trinkender Automieter muss nicht wegen grober Fahrlässigkeit für den Schaden haften

Shit happens: Ein Geschäftsmann trat morgens eine Fahrt mit einem gemieteten Auto an und nahm zur Aufmunterung einen "Coffee to go" mit. Den Plastikbecher mit dem heißen Kaffee steckte er in den Getränkehalter des Wagens. Nach dem Start zog der Mann den Becher aus der Halterung, fasste ihn aber aus Versehen nur am Deckel an. Prompt rutschte der Becher heraus und das heiße Getränk landete auf den Hosen des Autofahrers. Vor lauter Schreck verriss der Mann das Lenkrad und fuhr den Wagen gegen eine Straßenlaterne.

Für die Reparaturkosten von rund 1.300 Euro verlangte der Autovermieter vollen Schadenersatz. Eigentlich war vertraglich vereinbart, dass der Mieter für einen leicht fahrlässig verursachten Schaden am Mietwagen nur mit maximal 750 Euro haften sollte. Doch der Autovermieter warf ihm grobe Fahrlässigkeit vor: Anstatt zu lenken, habe der Mieter sich während der Fahrt mit einem Getränkebecher beschäftigt.

Dieser Kritik mochte sich das Amtsgericht Bonn nicht anschließen (118 C 158/17). Wie der Konsum von Heißgetränken während einer Autofahrt generell zu bewerten sei, könne hier offen bleiben. Jedenfalls vermiete der Autovermieter seine Fahrzeuge mit einer Haltevorrichtung für Getränke. Dann sei es aber widersprüchlich, einem Mieter, der den Getränkehalter benutze, eine grobe Pflichtverletzung vorzuhalten.

Grob fahrlässig handelten Autofahrer, wenn sie sich bückten, um am Fahrzeugboden nach einem heruntergefallenen Gegenstand zu suchen. Denn so könnten sie mehrere Sekunden lang nicht auf den Verkehr aufpassen. Mit dem konkreten Fall sei das nicht vergleichbar: Nach einem Becher zu greifen, sei weit weniger riskant. In der Regel seien Getränkehalter so montiert, dass man sie problemlos mit einer Hand erreichen könne, ohne die Augen vom Verkehr abzuwenden.

Dass der Autofahrer den Becher nicht richtig, sondern versehentlich nur am Deckel ergriffen habe, sei ein Flüchtigkeitsfehler. Der sei schnell passiert, gerade wenn man sich auf den Straßenverkehr konzentriere. Auch dass der Fahrer das Lenkrad verriss, nachdem er heißen Kaffee in seinen Schoß gegossen habe, sei eine verständliche Fehlreaktion.

Da werden Raser-Träume wahr

Dubioses Geschäftsmodell: Zu schnell fahren und das Fahrverbot mit Internet-Ersatzmann umgehen

Ein Autofahrer hatte die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h um stolze 58 km/h überschritten. Er wurde erwischt und zu 480 Euro Bußgeld plus Fahrverbot verdonnert. Zu seiner Freude stieß der Verkehrssünder danach im Internet auf ein verlockendes Angebot. "Ich übernehme Ihre Punkte und Ihr Fahrverbot für Sie" hieß es auf einer Webseite.

Das ließ sich der Autofahrer nicht zwei Mal sagen. Flugs überwies er 1.000 Euro auf ein Schweizer Bankkonto und leitete den Anhörungsbogen des Landratsamts an die "Internetbekanntschaft" weiter. Der ebenso windige wie findige "Ersatzmann" gestand auf dem Bogen den Verkehrsverstoß — gab allerdings nicht seinen eigenen Namen an, sondern den Namen einer fiktiven Person.

Daraufhin leitete das Landratsamt ein Bußgeldverfahren gegen die erfundene Person ein. Bis aufgedeckt war, dass sie nicht existierte, war die Angelegenheit bereits verjährt: Der "echte" Raser konnte nun wegen der Geschwindigkeitsüberschreitung nicht mehr belangt werden. Um ihn nicht einfach so davon kommen zu lassen, klagte die Staatsanwaltschaft den Autofahrer wegen "falscher Verdächtigung" an.

Nach dieser Vorschrift im Strafgesetzbuch wird bestraft, wer mit einem falschen oder "wider besseres Wissen behaupteten" Verdacht ein behördliches Verfahren gegen einen Mitbürger auslöst. Das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart kam jedoch zu dem Schluss, die Vorschrift sei hier nicht anwendbar (4 Rv 25 Ss 982/17). Eine falsche Anschuldigung müsse sich auf eine konkret existierende Person beziehen, doch die im Anhörungsbogen genannte Person existiere real nicht.

Wer eine erfundene Person verdächtige, mache sich nicht strafbar. Das OLG fand kein Vergehen, das es dem Raser hätte anlasten können. Der Unbekannte, der Formular ausfüllte, habe eine Urkunde gefälscht, indem er eine fiktive Person als Verkehrssünder benannte. Das könne man aber nicht dem Autofahrer vorwerfen — denn dem hatte der anonyme Geschäftspartner versprochen, selbst das Fahrverbot auf sich zu nehmen. Ob dieses Internet-Geschäftsmodell Schule macht, bleibt abzuwarten.

Lkw erschreckt Pony

Lkw-Fahrer muss auf den Randstreifen ausweichen, wenn er nur so genügend Abstand zu einer Reiterin einhalten kann

Laut Straßenverkehrsordnung gehört das Bankett — der Randstreifen — nicht zur Fahrbahn. Trotzdem darf er nach Ansicht des Oberlandesgerichts (OLG) Celle benutzt werden, z.B. an Engstellen und dann, "wenn es die Verkehrslage als sachgerechte und vernünftige Maßnahme erscheinen" lässt. Und manchmal müssen Verkehrsteilnehmer sogar zur Seite weichen, wie dieser Fall zeigt.

Ein 13-jähriges Mädchen auf einem Pony begegnete auf einer einspurigen, schmalen Straße (mit Randstreifen auf beiden Seiten) einem Lastwagen. Die Reiterin hielt das Tier an, stieg aber nicht ab. Der Fahrer der breiten Sattelzugmaschine fuhr am rechten Straßenrand langsam am Pony vorbei. Plötzlich scheute das Pony und geriet gegen den Lkw. Es verletzte sich so schwer, dass es eingeschläfert werden musste.

Die Mutter der jungen Reiterin, der das Pony gehörte, klagte auf Schadenersatz. Das OLG Celle entschied, dass der Kfz-Versicherer des Lkws den Wert des Pferdes zur Hälfte ersetzen muss (14 U 147/17). Auf dem einspurigen Weg habe der Fahrer — obwohl er ganz rechts fuhr — höchstens einen Meter Seitenabstand zum Pony gehabt. Das genüge vielleicht beim Überholen eines Fußgängers, aber nicht beim Vorbeifahren an einem Pferd.

Bei Fluchttieren müsse man immer mit plötzlicher Panikreaktion rechnen. Eineinhalb bis zwei Meter Abstand seien da angebracht. Daher hätte der Lkw-Fahrer auf den Randstreifen ausweichen können und müssen, um dem Tier nicht zu nahe zu kommen.

Bei so stabilem Bankett wie hier und mit geringer Geschwindigkeit sei das auch mit einem Lastwagen gefahrlos möglich. Wenn der Lkw-Fahrer befürchtete, auf dem Seitenstreifen umzukippen, hätte er anhalten und sich mit der Reiterin verständigen sollen, wie sie am besten aneinander vorbei kämen.

Aber auch die Tochter der Tierhalterin sei mit für den Tod des Ponys verantwortlich. Auf einer so schmalen Straße reiche es nicht aus, das Pferd anzuhalten — zumal ihr kein Kleinwagen, sondern eine Sattelzugmaschine mit Auflieger entgegenkam. Geräusche und die schiere Größe eines zu dicht auffahrenden Lasters könnten ein Pferd leicht irritieren.

Zudem sei das Pony mit dem Kopf in Richtung Lastwagen gestanden, so dass es bei einer fluchtartigen Reaktion direkt auf den Laster zu rennen musste. Die Reiterin hätte absitzen und das Pony am kurzen Zügel halten oder bis zu einer breiteren Stelle des Wegs zurückreiten müssen.

Gilt eine Fußgängerampel auch für den Radweg?

Radfahrer fährt Fußgängerin um, die auf einen Radweg tritt, ohne auf Radfahrer zu achten

Eine 68-jährige Fußgängerin überquerte an einer Kreuzung eine breite Verkehrsstraße, als die Fußgängerampel "Grün" zeigte. Auf der anderen Straßenseite ging sie erst über den Bürgersteig und wollte dann den dahinter verlaufenden (farblich anders gepflasterten) Radweg queren. Hier stieß sie mit einem Radfahrer zusammen und stürzte. Dabei zog sie sich einige Knochenbrüche und einen Bänderriss zu.

Vom Radfahrer forderte die Frau Schadenersatz. Den sprach ihr das Landgericht Münster in voller Höhe zu, weil der Radfahrer zu schnell gefahren sei. Und vor allem: Er habe den Vorrang der Fußgängerin missachtet, die bei Grünlicht die Kreuzung überquerte. Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm bewertete die Kollision jedoch anders (26 U 53/17).

Der Radfahrer habe der Frau nicht die "Vorfahrt" genommen, denn die Ampel gelte nicht für den Radweg, so das OLG. Die Fußgängerampel solle Fußgängern das sichere Überqueren der Kreuzung ermöglichen. Wenn sie anschließend den Gehweg und den Radweg überquerten, sei das eine neue Verkehrssituation, die die Ampel nicht regle. Der Radweg sei durch den dazwischen verlaufenden Bürgersteig deutlich vom Fußgängerüberweg der Kreuzung getrennt.

Wenn hier ein Fußgänger unaufmerksam auf den Radweg trete und mit einem Radfahrer zusammen stoße, der — angesichts der unübersichtlichen Kurve im Radweg — zu schnell fahre, seien beide in gleicher Weise für den Unfall verantwortlich. Die verletzte Frau müsse sich daher ein Mitverschulden von 50 Prozent auf ihren Anspruch anrechnen lassen. Sie habe nicht ausreichend auf Radfahrer geachtet: Auch für Fußgänger sei der Radweg aufgrund der Kurve nicht genau zu überblicken gewesen.