Ausgewählte Urteile

Urteil des Tages

"Qualifizierter Rotlichtverstoß"

Autofahrerin bezog das Grünlicht für die Linksabbieger irrtümlich auf sich: Regelfahrverbot?

Das Amtsgericht Freiburg hatte eine Autofahrerin wegen Missachtung einer roten Ampel zu 200 Euro Geldbuße und einem Monat Fahrverbot verurteilt. Es handelte sich um einen so genannten "qualifizierten Rotlichtverstoß". Das bedeutet: Die Frau hatte die Haltelinie überfahren, als die Rotphase bereits länger als eine Sekunde dauerte.

Gegen das Urteil legte sie Rechtsbeschwerde ein. Geldbuße und Fahrverbot seien unverhältnismäßig hart, fand die Autofahrerin, es habe sich doch nur um ein "Augenblicksversagen" gehandelt. Sie habe geradeaus fahren wollen, aber an der großen Kreuzung mit mehreren Fahrspuren versehentlich das für die Linksabbieger geltende Grünlicht auf ihre Fahrspur bezogen.

Doch das Oberlandesgericht Karlsruhe entschied, dass es beim Regelfahrverbot bleibt (2 Rb 8 Ss 830/18). Vom Fahrverbot werde nur im Ausnahmefall abgesehen. So eine Ausnahme könne auch das "Augenblicksversagen" eines Autofahrers sein. Das könne zum Beispiel vorliegen, wenn ein Autofahrer auf eine überraschend eingetretene Verkehrslage falsch reagiere oder eine verwirrende Verkehrsregelung falsch verstehe.

Davon könne hier aber keine Rede sein. Die Autofahrerin habe drei rote Ampeln missachtet, die die Geradeausspuren betrafen. Das sei nicht einfach fahrlässig, sondern grob nachlässig und unaufmerksam. Wenn an einer Kreuzung mehrere Spuren mit Wechsellichtzeichen vorhanden seien, müssten Autofahrer besonders aufpassen. Bei einem qualifizierten Rotlichtverstoß sei grundsätzlich ein Fahrverbot angebracht — auch wenn er aufgrund eines Irrtums begangen wurde.

Oldtimer

Ausbilder haupt- und nebenberuflich

Angestellter der Handwerkskammer hat Anspruch auf Steuervergünstigung für die Nebentätigkeit

Wer nebenberuflich als Ausbilder tätig ist, kann bis zu 2.400 DM im Jahr steuerfrei verdienen. Der Angestellte einer Handwerkskammer, der Lehrlinge in der Praxis der Metall- und Stahlbearbeitung ausbildete, hielt zusätzlich abends praktische Kurse zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung ab. Auch dieser Unterricht wurde von der Handwerkskammer veranstaltet.

Das Finanzamt gewährte für das bei der Zusatztätigkeit erzielte Honorar keine Steuervergünstigung. Begründung: Der Angestellte übe beide Jobs für den gleichen Arbeitgeber aus. Mit Erfolg klagte der Steuerzahler gegen den ablehnenden Bescheid der Steuerbehörde. Die Abendkurse erfüllten die Kriterien für eine Nebentätigkeit, entschied das Finanzgericht Köln (2 K 2343/93).

Denn die Lehrveranstaltungen der Haupt- und Nebentätigkeit hätten sich an unterschiedliche Teilnehmerkreise gewandt. Den Lehrlingen habe der Steuerzahler praktischen Unterricht erteilt, abends in den Meisterkursen habe er Theorie gelehrt. Außerdem habe sich die Unterweisung einmal auf Stahl und Metall bezogen, das andere Mal auf Aluminium. Die beiden Tätigkeiten seien somit nicht gleichartig gewesen. Daher sei die gewünschte Steuervergünstigung für das mit den Abendkursen erzielte Honorar zu bewilligen.

PS: Der Steuerfreibetrag für solche Nebentätigkeiten beträgt aktuell (2020) 2.400 Euro.

Recht kurios

Arbeitsgericht Köln definiert "Karnevalszeit"

Gastronom soll einer Kellnerin im Arbeitszeugnis bescheinigen, während der Karnevalszeit gearbeitet zu haben

Vier Jahre lang war Frau M in einem Kölner Gasthaus als Servicekraft beschäftigt, zum 31. August 2017 kündigte ihr der Arbeitgeber. Die Kellnerin erhob Kündigungsschutzklage und beanstandete zudem den Inhalt des Arbeitszeugnisses. Das Verfahren endete mit einem Vergleich. Dabei verpflichtete sich der Arbeitgeber unter anderem dazu, der Frau ein "wohlwollendes, qualifiziertes Zeugnis mit guter Leistungs- und Führungsbewertung" sowie Dankesformel auszustellen.

Als sie es erhielt, war die Ex-Angestellte aber nicht zufrieden. Anders als von ihr gefordert, werde im Zeugnis nicht erwähnt, dass sie während der Karnevalszeit gearbeitet habe. Tatsächlich hatte die Arbeitnehmerin 2014 im Karneval gearbeitet und war auch 2017 im Einsatz gewesen: am Freitag und Samstag nach Weiberfastnacht. Doch der Arbeitgeber war der Ansicht, diese Tage zählten nicht zur Karnevalszeit und weigerte sich, das Arbeitszeugnis nochmals zu korrigieren.

Aus diesem Grund zog Frau M erneut vors Arbeitsgericht Köln und setzte sich mit ihrem Anliegen durch (19 Ca 3743/18). Die "Karnevalszeit" werde zwar vom Gesetz nicht exakt definiert, erklärte das Arbeitsgericht: Im Rheinland und insbesondere im Kölner Raum bestehe aber kein Zweifel daran, wie der Begriff auszulegen sei.

Wenn von "Karnevalstagen" die Rede sei, könnte sich das eventuell nur auf die "Hauptfeiertage" Weiberfastnacht, Rosenmontag und Karnevalsdienstag beziehen. Mit "Karnevalszeit" sei aber auf jeden Fall die gesamte Zeit von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch gemeint, also die Hochzeit der Karnevalsfeiern.

Frau M habe 2017 am Freitag nach Weiberfastnacht von 10 Uhr vormittags bis 23.30 Uhr gearbeitet, ebenso am Karnevalssamstag. Im Rheinland und vor allem im Kölner Zentrum sei in der Karnevalszeit die Arbeitsbelastung im Gastgewerbe — gerichtsbekannt — besonders hoch. Daher hätten in der Gastronomie Beschäftigte auch ein berechtigtes Interesse daran, dass ihre Arbeit in der Karnevalszeit im Zeugnis hervorgehoben werde.

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